Street Art Tour durch Zürich-West
Zürich-West hat Street-Art-Fans einiges zu bieten. Von grossformatigen Murals über zeitgeistige Graffiti bis zu kleinen 3D-Interventionen finden sich im einstigen Industriequartier viele Facetten der Outdoor-Kunst.
Text: Jeroen van Rooijen
Ausgerechnet vom international bekanntesten Schweizer Street Art Artisten gibt es in Zürich-West nichts zu finden – Harald Nägeli sprayte Ende der 1970er-Jahre lieber in der Altstadt und im Universitätsquartier als im rauen Westen, wo der Kontrast vielleicht nicht so stark gewesen wäre. Vielleicht hätte es dort auch keinen interessiert, weil Graffiti in Zürich-West, anders als in den schicken Wohngegenden am Hügel, schon lange zum Stadtbild gehören.
Erst spät kam Nägeli dann doch noch nach Zürich-West: Seit 2019 leuchtet eine seiner Figuren als Lichtskulptur vom Giebel des Schiffbaus. Aufgehängt hatten ihn die damals neuen Theater-Intendanten, quasi als Geschenk an die neue Wirkungsstätte im Schiffbau – die Intendanten sind inzwischen wieder weg, doch der Nägeli blieb.
Doch auch ohne gesprayten Nägeli hat Zürich-West den Fans von Street Art etwas zu bieten. Nachfolgend eine Auswahl von Werken, die uns auf unseren Rundgängen aufgefallen sind und die in zwei Stunden leicht zu begehen sind.
Der „Nägeli der Moderne“, eine neue Gallionsfigur der Street-Art, ist der Zürcher Künstler Redl, zivil mit dem Namen Patrick Wehrli ausgestattet. Redl hat seine künstlerischen "Roots" in der Hip-Hop-Kultur der achtziger Jahre, 1983 sprayte er sein erstes Bild, sein Stil ist naturalistisch. In Zürich-West gibt es gleich zwei grosse Redl-Werke: zum einen das Himmelsschiff (2017) an der Ecke Schütze-Wiese/Limmatstrasse 291, zum anderen das „Mädchen mit Malerwerkzeugen“ an der Polizei-Remise beim Westpark.
Himmelsschiff und Höllenhund
An der Stirnseite eines Hauses an der Ecke des Schütze-Areals in Zürich-West prangt ein haushohes Wandbild in Graffiti-Technik. Es ist weit mehr als nur eine Sprayerei – sondern eine reife künstlerische Leistungen im XXL-Format. Das Bild an der Limmatstrasse 291 zeigt eine junge, mit einem Feldstecher ausgestattete, pinkhaarige Frau namens "Melody" mit einem gelben Wettermantel, die in einem Papierschiff steht und in den Horizont schaut.Im Herbst 2017 wurde das Bild namens „Himmelsschiff“ angebracht – gesprayt hat es der Zürcher Künstler Patrick "Redl" Wehrli, und zwar mit dem Goodwill der PSP Swiss Property, der das Haus gehört. Auf die Wahl des Motivs hat die Hauseigentümerin zwar keinen Einfluss gehabt, aber die Malerei passe in die Umgebung und gebe der schmucklosen Liegenschaft etwas Besonderes, liess die PSP die "NZZ" auf Anfrage wissen.
Wir wandern weiter stadtauswärts Richtung Hardturm, quer über den Escher-Wyss-Platz und ein Stück weit die Hardturmstrasse runter, wo uns seit Herbst 2024 zur linken es zweites, sehr grossformatiges Werk von zwei international bekannten Street-Art-Künstlern aus Zürich empfängt: Es ist ein Comic-Hund und damit unverkennbar eine Arbeit der Gebrüder One Truth. Das 6 x 20 Meter grosse Werk an der Hardturmstrasse 121 heisst «The Artist» – etwas übernächtigt, mit markantem Schnauzer und ziemlich frech schaut der Hund auf die Passanten der Hardturmstrasse herab. Er könnte aber auch die Einfahrt bewachen, über der er sitzt? Eine Art Cerberus vor dem Tor zur Hölle? Wie auch immer: Die Figur soll inspirieren und zum Schmunzeln anregen. Initiiert wurde es von “Trilogie Südtrottoir”, unterstützt von Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) von der Stadt Zürich und Kunst im West (Koller Auktionen) 2024.
Von hier ist es nicht weit zum zweiten grossen Redl-Werk, dem „Mädchen mit den Malerwerkzeugen“. Wir nennen das Werk jetzt einfach mal so, denn es hat offenbar keinen richtigen Namen. Das Bild zeigt ein etwa 8-jähriges blondes Mädchen, das Malerwerkzeug mit sich trägt und sich selber mit einem Bleistift etwas auf die Stirn zu zeichnen scheint. Ein zweites Mädchen steht breitbeinig daneben, in einer dunklen Strassenschlucht, an deren Ende der Horizont braunrot leuchtet. Zu finden ist das Werk am Gleisbogenweg, gleich hinter dem Komplex Westpark, den die meisten als Digitec-Galaxus-Hub kennen.
Ab auf die andere Seite
Weiter geht’s via Gleisbogenweg über die Fussgängerbrücke, welche die Pfingstweidstrasse überspannt, rüber zum Pfingstweidpark. Hier gibt es kaum wirklich Street Art zu sehen, abgesehen von den in ganz Zürich üblichen, hirnlosen FCZ-Tags und anderen kleinformatigen Schmierereien, die nicht der Erwähnung wert sind. Doch man gelangt auf diesem Weg auf gemütliche Weise zurück zum Bahnhof Hardbrücke, an dessen Wänden ja auch einiges zu entdecken ist – und schliesslich zur Geroldstrasse, dem eigentlichen Epizentrum der Street Art in Zürich-West. Hier wechseln die Motive ständig: Die Wände werden im Wochenrhythmus neu besprüht, manchmal werden auch ganze Wände wieder „neutralisiert“, nur um dann über Nacht wieder neu bemalt zu werden. Es ist zumeist anonyme Street Art, die ohne Auftrag oder Einwilligung der Eigentümer angebracht wird, doch auch das gehört zum Genre – das Illegale und Spontane sind schliesslich die Wurzeln dieser Szene.
Oft fotografiert werden die Häuser bei der Umbrella Alley, die international Bekanntheit geniesst wegen der dort aufgehängten, bunten Schirme. Das vielfarbige Garagentor an der Geroldstrasse 5 („O’Donnell Moonshine“) ist ein Hingucker. Wenig erbauendes zeigen die Durchgänge durchs Viadukt – leider keine grosse Kunst an der Neugasse odeer der Josefstrasse, nur die üblichen Parolen und Aufrufe zum Klassenkampf von RJZ, dazwischen ein bisschen FCZ-Kringel. Wer aber gut aufpasst, entdeckt gleichwohl den „Heiland“, der etwas verblasst an der Ecke Josefstrasse/Josefwiese am Viadukt (parkseitig) prangt. Eine hellblaue Mariengestalt, die direkt aus Mexiko abgekupfert scheint.
Nun noch rüber ins Geviert der Zentralwäscherei! Dort gibt es viel zu sehen – die Wände um das links-alternative Kulturzentrum sind komplett mit Graffiti bedeckt, und einiges davon ist von erstaunlicher Qualität. Erwähnenswert sind die dynamischen Figuren im Eingang des Sportzentrums Josef; das „Home Girl“ mit den grossen Kopfhörern gleich gegenüber von @needapencil; den froschfressenden Drachen (mutmasslich von Basil Girard) oder eine melancholische rosa Schönheit des Berliner Künstlers El Bocho (2024).

Vergeblich sucht man in Zürich-West (noch) nach einem grossen Werk des dritten grossen Akteurs im Bunde der Zürcher Street-Art-Artisten, des farbenfrohen Oibel1. Seine Werke sind energetisch, bunt und intensiv, sie sind leicht zu erkennen und in ganz Zürich verstreut. Nur im Industriequartier nicht! Immerhin gibt es aber einen „Mini-Oibel“ zwischen dem Restaurant Brisket und der Autwäscherei an der Hardbrücke – er steht auf der Hofterrasse des Brisket und empfängt die Gäste mit offenen Armen. Wenn wir schon dort sind: Einmal noch ums Haus gehen bitte, auf die Rückseite der Labor-Bar – auch da ein Reigen von anonymen, aber durchaus sehenswerten Graffitis.


